EC 180


Günther Fetz - Orgelimprovisationen

 

Günther Fetz

 

 

 

 


 


 

 

Günther Fetz
an der Orgel der kath. Stadtpfarrkirche St. Ludwig in Lindau

1 CD   -   DDD   -   Spielzeit: 66' 38
Booklet: 24 Seiten (deutsch/englisch
), 1 Abbildung in schwarzweiß
€ 14,80

 

Booklet-Texte:

Günther Fetz
Über Improvisation und zur Aufnahme / About Improvisation and this Recording
Text-Wiedergabe siehe weiter unten

Günther Fetz
Zur Orgel / The Organ (Reiser/Biberach, 1956/57 & 1981, III-P/44)

Disposition / Specification

Zum Interpreten / The Artist

 


P r o g r a m m

 

Günther Fetz (*1937)

Orgelimprovisationen

01   Toccata I (5'30)

02   Intervallspiel und mehr (8'02)

03   Septimenklänge und mehr (7'45)

04   Klangflächen mit Strukturierungen (8'00)

05   Melodia (5'18)

06   Kirchenlied »Christ fuhr gen Himmel« in der Art eines Nachspiels (5'38)

07   Ostinato (7'07)

08   Spiel mit Zungenregistern (4'33)

09   Toccata II (7'34)

10  »O du lieber Augustin« (6'02)

 

 

»Musik des Apollo – das bedeutet ein klingendes Spiel der Formen in klassischer Vollendung und rationaler Durchdringung: die Komposition. Musik des Dionysos – das ist Musik als Ausdruck, als Symbol, romantisch im weitesten Sinne, intuitiv: die Improvisation. Improvisation und Komposition sind Ausdruck zweier Seinsweisen des Menschen: des Intuitiven gegenüber dem Reflektierten, des Spontanen gegenüber dem rational Durchdachten, des Fantastischen gegenüber dem Geordneten und Abgeklärten.«

Ein schönes Zitat. Alles Wesentliche ist auf den Punkt gebracht und das Bild von Apollo und Dionysos hat seinen Zauber. Vermutlich sind mir Hans Haselböcks Worte auch deshalb so sympathisch, weil sie die Art meines Spiels und meine Praxis treffen, nur völlig intuitiv aus dem Augenblick heraus zu improvisieren. Ich brauche zudem den Druck des "Jetzt-in diesem Augenblick-Müssens", den konzentrierten, aber zugleich fast rauschhaften Zustand, die zeitliche Determiniertheit. Das schließt nicht aus, dass man sich vor größeren Improvisationsaufgaben Gedanken zum Beispiel darüber macht: Wie fange ich an, welchen Aufbau habe ich vor, was wähle ich als Anfangsregistrierung? Aber oft wird dann ohnehin alles ganz anders ...

Dieser Sprung ins kalte Wasser hat Vor- und Nachteile. Zu den Vorteilen gehört jedenfalls das Authentische, die Ehrlichkeit, die Kraft des Spontanen. Der Hörer spürt dies. Zu den Nachteilen zählt das Risiko dieser Vorgehensweise. Manchmal fällt einem halt nicht so Bedeutsames ein, – dann muss eben das Handwerk knirschen. Wer seine Improvisationen gedanklich oder gar schriftlich zu sehr vorbereitet, sie vorher auswendig lernt oder vorwiegend mit eingeübten Mustern arbeitet – und das kommt nicht so selten vor –, hat natürlich ein Sicherheitsnetz, verzichtet dabei aber auf etwas Wesentliches: auf das Fantastische und die Chancen des Risikos. Und wäre das dann noch Improvisation im eigentlichen Sinne?

Hier ist eine Klarstellung notwendig. Auch der „intuitiv-spontane" Improvisator hat seinen Stil, seine Muster, und alle Musik, die er je gehört oder gespielt hat, ist in seinem Gehirn, in seinem Unterbewusstsein ebenso gespeichert wie oft wiederholte Griff- und Spieltechniken. Er hat viel Erfahrung in klanglicher Hinsicht und ist im Voraushören geübt. Im Zusammenspiel mit der nicht zu unterschätzenden Beherrschung und Kenntnis seines Instruments schöpft er jedoch spontan aus diesem Fundus, bringt die unmittelbare Eingebung damit in Übereinstimmung, sozusagen als augenblicksgebundene Manifestation einer lebenslangen Beschäftigung mit Musik.

Andererseits ist solides Handwerk eine gute Basis für jede Kunst. Improvisation, wie sie zum Beispiel an Musikhochschulen gelehrt wird, ist neben gründlichen Tonsatzkenntnissen eine sinnvolle Sache für den liturgischen Organisten und kann den Grundstein für eine spätere Weiterentwicklung legen. Die freie künstlerische Improvisation ist etwas anderes. Aber wo hört das eine auf und beginnt das andere? Die Schnittstellen sind ohne Belang, das Ergebnis wird die Antwort bringen.

In einem psychologisch-kinesiologischen Buch las ich über sogenannte Strukturmerkmale des Menschen. Demnach denkt zum Beispiel der eine gründlich nach bevor er spricht, der andere denkt während des Sprechens, die Gedanken kommen ihm erst dann, sie entwickeln sich, spinnen sich fort. Der Zweite wird wohl der Improvisator sein.

Ein Merkmal der Improvisation ist die ungeheure Schnelligkeit der Abläufe. Sie ist für den musikalischen Laien kaum vorstellbar und setzt selbst den Berufsmusiker immer wieder in ratlose Verwunderung. Die verschiedensten vorher angesprochenen Parameter in kürzester Zeit umzusetzen, das scheint das menschliche Gehirn zu können. Dies aber auch zuzulassen, ohne Ängste und mit der Risikobereitschaft im Spontanen: das kennzeichnet wohl den freien Improvisator.

Diese Schnelligkeit ist für den Improvisator, zumindest für mich, schon oft eine aufregende und spannende Sache. Vor drei Sekunden entschied man sich für einen bestimmten Weg, einen bestimmten Klang. Weg und Klang sind dann anders als ursprünglich vorgestellt, also schnellstens raus aus der Sackgasse und nicht wieder in eine andere, mit einer Hand spielen, mit der anderen und mit den Füßen blitzartig registrieren, bemerken, dass man in der Eile ein Register nicht erwischt hat, weiterspielen, dazu das vorher nicht erwischte Register betätigen –, und das alles soll überzeugend klingen und so, als wäre es gewollt! Kein Wunder, dass sich bei einem Reaktionstest Auto fahrender Berufsmusiker Organisten an die erste Stelle setzten.

Ein Improvisator, wenn er sein Metier nicht nur als Spiel mit der Kunst betreibt (was übrigens vollkommen legitim wäre), outet sich weit mehr als ein Komponist, der sein Werk in Ruhe rational überdenken kann. Eine gewisse Kontrolle seines Tuns ist für den seriösen Improvisator ebenfalls unabdingbar, soll seine Musik nicht in Uferlosigkeit und ins Chaos abgleiten. Zu viel Kontrolle und zu viele Skrupel allerdings hemmen die Fantasie und die Emotionen, die einfach zur Improvisation gehören. Die spontane, echte Emotionalität scheint mir ein starkes Argument für die Improvisation zu sein. Gegenüber der Komposition ist sie da direkter, ungestümer, authentischer, manchmal vielleicht auch banaler, aber sie trifft jedenfalls unmittelbar und ohne großes Sublimieren die Gefühle des Hörers, je nach Substanz der Improvisation und Aufnahmefähigkeit auch seine Ratio. Improvisation und Komposition entsprechen wirklich verschiedenen Seinsweisen des Menschen, wie Haselböck eingangs sagte. Sie sind zwar Geschwister, gehen aber jeweils ihre eigenen Wege und selbstverständlich verbietet sich eine Bewertung.

Zum Wesen der Improvisation gehört weiters ihre Vergänglichkeit; kaum ist sie entstanden, so ist sie auch schon unwiderruflich wieder entschwunden. Und wie steht es da mit einer auf Tonträger aufgezeichneten Improvisation? Ich gestehe, dass ich Mühe habe das zu rechtfertigen. Ich finde kein gewichtiges Argument für diese Praxis. Nachdem es heute nun einmal so ist, dass wir fast jede Musik zu jeder Zeit auf Tonträgern zur Verfügung haben, so hat diese Entwicklung auch vor der Improvisation nicht Halt gemacht. Vielleicht sollte man auch die positiven Seiten sehen. Manchmal ist es wirklich schade, wenn sich gute Improvisationen im Nichts auflösen. Was gäben wir dafür, hätten wir eine von Bach. Gnädigerweise sollte man auch bedenken, dass aufgezeichnete Improvisationen fast immer nur einen winzigen Bruchteil dessen ausmachen, was ein Improvisator so von sich gibt.

Ich habe mich bemüht, typische Wesensmerkmale der Improvisation auch für den Tonträger beizubehalten. So wurde nichts manipuliert, aus den einzelnen Stücken herausgenommen, hinzugefügt oder wiederholt, es gibt keinen einzigen Schnitt. Alles klingt genau so, wie es nur einmal eingespielt wurde. Mit einer Ausnahme: Ich habe die ursprüngliche Aufnahmereihenfolge der Stücke verändert. Das hatte ich von vornherein vor, um bei der Aufnahme ganz frei zu sein. Ich hoffte einfach darauf, aus dem eingespielten „Material" später eine stimmige Reihenfolge der Stücke zusammenzubringen. Das fiel mir dann doch nicht ganz leicht. Was passt hintereinander, kontrastiert, ergänzt sich? Wie ergibt sich eine sinnvolle inhaltliche und klangliche Dramaturgie? Die erfolgte Reihung entspricht nun diesen Überlegungen, ich hoffe, der Hörer kommt damit auch zurecht, andernfalls kann er ja seine eigene Abfolge wählen und zum Beispiel mit Track 5 bis 10 beginnen.

1 ist eine bewegte, klanglich schwirrende Toccata als Einleitung. 2 bis 4, vor allem 4, sind in ihrer Tonsprache die progressivsten Stücke, stehen mir am nächsten und ich wollte sie im Zusammenhang anordnen. 5 bringt eine Entspannung und ich würde den Satz gerne als eine Melodia oder „nostalgisches Träumen an der Orgel" bezeichnen. 6 ist das Kirchenlied „Christ fuhr gen Himmel" in der Art eines Nachspiels, 7 ein ostinatoähnlicher Satz, 8 ein Spiel mit Zungenregistern, dessen Anfang ich während der letzten Takte des Ostinato voraushörte. 9 ist wiederum so etwas wie eine Toccata und war das zuletzt eingespielte Stück. Kurz vor der Aufnahme geisterten mir Namen wie Prokofieff und Chatschaturjan und Begriffe wie „rhythmisch pointiert" durch den Kopf. 10 „O du lieber Augustin" war ursprünglich zur Aufheiterung des Auf nahmeteams gedacht. Nun ist der Augustin doch hier gelandet – quasi als Zugabe. Beide Augustins werden verquickt: der heiter-romantische vom Bodensee, der tragikomische aus Wien, der unversehrt aus der Pestgrube herauskrabbelt, um sein Lotterleben weiterzuführen.

Zu den Aufnahmen sei noch vermerkt, dass sie an zwei Abenden stattfanden, wobei ich jeweils rund eine Stunde improvisierte. Das Ergebnis waren zwölf Stücke mit 80 Minuten Spielzeit. Zwei habe ich ausgeschieden, die restlichen zehn bilden das Programm dieser CD. Der ORF hatte mich anlässlich meines 70. Geburtstages zu diesem Projekt eingeladen. Eine etwaige Veröffentlichung auf CD war weder fest geplant noch wurde sie ausgeschlossen.

Günther Fetz

 

Aufnahme: ORF Landesstudio Vorarlberg (2007)